CDU Bergstraße verabschiedet Thesen zur Stärkung und Weiterentwicklung der Hauptschule / Neue Modellversuche prüfen
(Kreis Bergstraße, 1.07.09) Während in Hessen an einem neuen Lehrerbildungsgesetz und an einem neuen Schulgesetz gefeilt wird, hat sich auch die CDU-Bergstraße mit einem bildungspolitischen Dauerthema befasst. Auf Initiative des Landtagsabgeordneten Alexander Bauer hat der Kreisvorstand Thesen zur Stärkung und Weiterentwicklung der Hauptschule beraten und beschlossen. „Die Hauptschule ist keine Sackgasse sondern Durchgang zur weiteren Qualifikation“, so Kreisvorsitzender Dr. Michael Meister. Um eine Lehrstelle, einen Arbeitsplatz oder einen höheren Bildungsabschluss zu erreichen, braucht es „eine enge Zusammenarbeit zwischen Elternhaus, Schule und Wirtschaft“, so Meister. Den höheren Praxisbezug bieten in Hessen mittlerweile die SchuB-Klassen ("Schule und Betrieb") an denen die Schülerinnen und Schüler drei Tage in der Schule und zwei Tage im Betrieb verbringen. „Ein Erfolgsmodell, das an fünf Schulen im Kreisgebiet eingerichtet ist“, findet Bauer. .So schafften zum Ende des letzten Schuljahres alle Schüler mit Migrationshintergrund ihren Hauptschulabschluss und fast alle erhielten anschließend einen Ausbildungsplatz. Dementsprechend findet die kürzlich vom Staatssekretär des Hessischen Kultusministeriums, Heinz-Wilhelm Brockmann, zugesagt Ausweitung dieser SchuB-Klassen auch die volle Unterstützung der Christdemokraten. Anerkennung und Lob gibt es für alle Hautschulen im Kreisgebiet, die wie etwa die Bensheimer Geschwister-Scholl-Schule leistungsschwache Schüler gezielt fördern und so besser auf den Arbeitsmarkt vorbereiten. Für den Erhalt der Hauptschule macht sich auch das Hessische Handwerk stark, schließlich kämen mehr als die Hälfte ihrer Lehrlinge daher. „Die Hauptschule muss weiterentwickelt werden“, fordert Bauer einen Blick über den Tellerrand. In Baden-Württemberg gäbe es das Modell der Werkrealschule und auch in Bayern sei eine enge Kooperation mit den Berufsfachschulen selbstverständlich.
Von einer Bildungsreise des Schulpolitischen Arbeitskreises der CDU-Landtagsfraktion in die Steiermarkt brachte Bauer die Ausgestaltung der Hauptschule im Nachbarland Österreich mit. Dort gibt es in den Klassen 5 bis 8 auf drei Anspruchsebenen Leistungsgruppen. Wer in der Leistungsgruppe 1 ist, kann nach der Hauptschule in die Oberstufe eines Gymnasiums gehen, wer in der Leistungsgruppe 2 ist, kann dies nur, wenn er einen bestimmten Notendurchschnitt hat. Wer nicht auf das Gymnasium wechseln will, kann in der Klassenstufe 9 ein Jahr eine polytechnische Ausbildung als Übergang zum Beruf machen. In diesem Jahr gibt es vier Tage Betrieb und einen Tag Schule mit Bewerbertraining, Hauswirtschaftslehre, Berufsorientierung und soziales Lernen. Kurzum, man will dort Schülerinnen und Schüler fit für das Leben machen. Aber auch in Deutschland gibt es interessante Neuansätze. So besuchten die CDU-Schulpolitiker kürzlich die die Kooperative Gesamtschule (KGS) und die Berufsbildende Schule in Neustadt am Rübenberge in Niedersachsen. Die Ganztagsschule wurde von Bundespräsident Köhler mit dem Preis "Starke Schule" ausgezeichnet und überzeugt durch ein differenziertes Konzept der Berufsorientierung. Besonders interessant ist der wegweisende Schulversuch "Doppelqualifikation für Hauptschüler". Seit 2004 bietet die KGS Neustadt am Rübenberge die Schüler ihres Hauptschulzweigs gemeinsam mit der Berufsbildenden Schule Neustadt am Rübenberge aus. Über den allgemeinbildenden Unterricht hinaus erhalten die Schülerinnen und Schüler des 9. und 10. Jahrgangs an zwei Tagen pro Woche Unterricht in einem selbst gewählten Berufsfeld. Nach ihrem Abschluss erhalten sie Zeugnisse beider Schulen, in denen die Anteile der beruflichen Qualifikation aufgeführt sind. "Durch den parallelen Besuch beider Schulen und das praxisorientierte Lernen ist die Lernmotivation der Schüler erheblich angestiegen und die Vermittlungsquote in ein Ausbildungsverhältnis hat sich seit 2004 von durchschnittlich 14 Prozent auf nahezu 70 Prozent erhöht", lobte Bauer.
Die Bildungspolitiker der CDU-Landtagsfraktion zeigten sich begeistert davon, dass es keine Schulabbrecher gebe: „Dass kein Hauptschüler die Schule ohne Abschluss verlässt, ist mehr als bemerkenswert", betonte Bauer. Darüber hinaus beeindruckte die von allen Lehrkräften praktizierte "Politik des Hinsehens", die durch klare Regeln und die Nutzung von Streitschlichterkonzepten begleitet werde. Die enge Einbindung von Eltern und Schülern sorgt zusätzlich für eine starke Identifikation mit der Schule. "Wir sehen den Schulversuch als eine sinnvolle Ergänzung zum bereits erfolgreichen Programm der SchuB-Klassen an. Unser Ziel muss es sein, in Hessen zwei bis drei Modellregionen zu finden, die an einem hessischen Schulversuch teilnehmen. Eine entsprechende Initiative werden wir nach eingehender Beratung in den Landtag einbringen", erläuterte Alexander Bauer abschließend.
Nachfolgend die Thesen im Wortlaut:
1. Unser Land braucht als starker Bildungs- und Wirtschaftsstandort in erster Linie starke Schulen, die mit Eigenverantwortung ausgestattet in einem Wettbewerb untereinander bestmögliche Bildung in einem leistungsorientierten und begabungsgerechten Schulsystem vermitteln.
2. Die Schule – speziell die Hauptschule – muss in noch stärkerem Umfang Orientierungswissen über die Berufs- und Arbeitswelt vermitteln. Eine gezielte Berufswahlvorbereitung und Förderung der Ausbildungsreife muss in Kooperation mit Betrieben, beruflichen Schulen und außerschulischen Trägern (z. B. IHK) erfolgen.
3. Schulartübergreifende Bildungsstandards ermöglichen und fördern die Vergleichbarkeit und die Durchlässigkeit zwischen verschiedenen Schularten. Dies bedeutet, dass die Schülerinnen und Schüler auf derselben Kompetenzskala unterschiedliche Kompetenzstufen erreichen können. Dadurch wird auch ein wichtiger Beitrag in Richtung Individualisierung des Lernens geleistet.
4. Die Reduzierung der Schulabgänger ohne Abschluss ist das vordringlichste Ziel. Das „SchuB-Programm“ (Schule und Betrieb) ist dabei ein sehr erfolgreiches Instrument, welches bedarfsgerecht flächendeckend ausgeweitet werden muss. Dazu bedarf es zwingend der Intensivierung der sozialpädagogischen Förderung als konzeptioneller Bestandteil der „SchuB-Klassen“.
5. Anstatt Debatten über Strukturreformen zu führen braucht die Hauptschule ein unverwechselbares Profil. Dazu gehört, die erkennbaren Informationsdefizite über die Hauptschule zu beseitigen, die bestehenden Vorurteile abzubauen, das Themenfeld Hauptschule positiv zu besetzen und Entwicklungschancen für Hauptschüler aufzuzeigen.
6. Wir brauchen für die Absolventen der Hautschule einen größeren Zugang in Ausbildungsberufe und eine entsprechende Modernisierung und Weiterentwicklung des dualen Systems der Berufsausbildung.
7. Wir müssen mit vereinten Kräften für das Bildungssystem – gemeinsam mit den Betroffenen – arbeiten. Dazu bedarf es in finanzieller Hinsicht einer finanziellen Aufwertung. Zurückgehende Schülerzahlen dürfen kein Grund für einen sinkenden Bildungsetat sein. Stattdessen müssen die Ausgaben für Bildung und Forschung weiter erhöht werden.